Wie alles anfing

Musik ohne Musiker
Seit Jahrhunderten versuchten Erfinder, Musik mechanisch zu reproduzieren. Die Drehorgel mit Stiftwalzen ist seit dem Altertum bekannt. Auch Spieluhren verwendeten solche Walzen, doch die Spielzeit war sehr begrenzt und das Repertoire ebenfalls, auch wenn viele Verfeinerungen hier Abhilfe schaffen sollten. Die erste „Schallplatte“ war um 1886/87 in Leipzig erfunden worden. Sie ersetzte in Spieldosen die Walzen, war vergleichsweise billig herzustellen und konnte bei baugleichen Abspielgeräten leicht ausgetauscht werden. Etwa zeitgleich entstanden die robusten Lochbänder für Orgeln bis hin zur Jahrmarktsorgel. So konnte man Musikstücke sammeln. Doch all diese Abspielgeräte waren selbst das Instrument. Sie reproduzierten ein festgelegtes Musikstück mit starrer Instrumentierung, nicht aber eine gespielte Musik, oder gar Stimmen und Gesang.
Das Welte-Mignon Verfahren
Eine Sonderrolle spielte das Welte-Mignon-Reproduktionsklavier. Auf seinen Papierrollen konnte man ab 1904 fast authentisch das Spiel berühmter Pianisten reproduzieren. Daher kann man noch heute den Aufnahmen von Busoni lauschen. Selbst Komponisten wie Debussy, Grieg und Gershwin spielten eigene Werke ein, und kein geringerer als Paul Hindemith schuf neben anderen Komponisten einige Werke für Welte-Mignon. Doch das Verfahren war aufwändig und sehr teuer. Vor allem aber konnte es nur auf den speziell ausgerüsteten Klavieren und Flügeln angewandt werden. Nach 1928 spielte es keine große Rolle mehr und ist heute nur noch von historischem Interesss. Immerhin wurden aber einige Rollen auf Schallplatte sozusagen umkopiert.
Das Prinzip der mechanischen Tonaufzeichnung
Man könnte die alten Techniken mit Stiftwalzen, Lochscheiben- und -Streifen, die heute nur noch für Sammler interessant sind, Vorformen der Digitalisierung nennen. Erst die entsprechende, analoge Übertragung der realen Tonschwingungen auf einen Träger, der die Wiedergabe möglich machte, kann als tatsächliche Aufzeichnung bezeichnet werden. Rein mechanisch werden die Schwingungen der Luft über eine Membran durch einen Stichel dauerhaft in einer Rille festgehalten. Diese musste durch Drehung des Trägers und gleichzeitiger Verschiebung des Stichels verlängert werden. Läßt man danach einen Stift oder eine Nadel durch die Rille laufen erzeugt sie über eine technische Koppelung an die Luft den ursprünglichen Schall – oder so was Ähnliches. Wichtig war, dass die Bewegung des Tonträgers, in den der Schall hinein gegraben wurde, gleichmäßig war und bei der Wiedergabe möglichst entsprechend wiederholt werden konnte. Daran hat sich im Prinzip seit mehr als hundert Jahren nichts geändert, außer vielen, vielen Kleinigkeiten.
Die ersten Tonaufzeichnungen
Die analoge Aufzeichnung, die Verwandlung von Schall in eine kontinuierliche mechanische Verformung, wurde bereits 1857 von Édouard-Léon Scott de Martinville in Paris entdeckt, war aber lediglich ein wissenschaftlicher Nachweis über die Natur der Schallwellen. Durch eine Seitengravur in einer rotierenden Kohlstaubschicht entstand eine sichtbare Wellenlinie, die (noch) nicht reproduzierbar war. Erst 2008 gelang es amerikanischen Audio-Historikern diese Dokumente mit Computertechnik hörbar zu machen.
Einem Erfinder aus Massachusetts namens F.B. Fenby wurde 1863 ein Vefahren patentiert, das er „Electro-Magnetic Phonograph“ nannte. Eine praktische Anwendung, auf beschichtetes Papierband Töne aufzuzeichnen, gelang ihm nicht. Doch seine Wortschöpfung „Klangzeichner“ blieb in der englischen Sprache als Bezeichnung des Plattenspielers erhalten.
Die umwälzende Erfindung
Die Aufnahme und Rückumwandlung einer mechanischen „Datei“ von Schall mittels einer Walzenapparatur ist Anfang 1877 durch das französische Multitalent Charles Cros erfunden aber aus unbekannten Gründen nicht ausgewertet worden. Ob der Erfinder und Unternehmer Thomas Alva Edison, der als Erfinder des, des Phonographen gilt, davon Kenntnis hatte, ist ungewiss. Amerikanische Autoren tendieren zu Auffassung, dass es sich um eine unabhängige Entdeckung handelt.
Jedenfalls wurde Edisons Maschine mit der Zinnfolien-Walze Ende 1877 bekannt gemacht und 1878 patentiert. Sie begann, einhergehend mit zahlreichen Verbesserungen, ihren Siegeszug um die Welt. Die später gebräuchlichen Wachswalzen, auch Edison-Walzen genannt, hatten aber zwei große Nachteile. Sie besaßen anfangs nur eine Laufzeit von zwei bis drei Minuten, die jedoch durch technische Verfeinerungen verlängert werden konnte, aber entscheidende Mankos blieben. Die Vervielfältigung war bis zuletzt schwierig und teuer. Die Tonqualität blieb wegen der vertikalen Gravur sowohl beim Tonumfang (Frequenzbereich) als auch hinsichtlich der Lautstärke (Dynamik) bis zuletzt eingeschränkt.



