Die Macken des Radialtonarmes

Plattenspieler RadialtonarmDer Spurfehlwinkel

Schallplatten werden immer tangential geschnitten. Das bedeutet, dass der Schneidekopf, genauer gesagt der Schneidstichel immer senkrecht zur Vorschubachse des Schneidekopfs steht. Der Zielpunkt des Schneidstichels ist das Zentrum der künftigen Schallplatte. Der Radialtonarm führt den Tonabnehmer aber in einer Kurve Richtung Plattenmitte, die bezogen auf die Rille nicht einmal kreisförmig ist. Nur bei zwei Abständen zur Mitte befindet sich der Tonkopf genau tangential zur Rille. Ansonsten hat der Tonkopf einen von der Tangentiale abweichenden Winkel, den Spurfehlwinkel, der nur gering gehalten aber nicht vermieden werden kann. Um ihn möglichst gering zu halten, setzt die Abtastung also mit einem bestimmten Fehlwinkel ein, der zwei Mal gegen Null geht. Dies erreicht man durch das Abwinkeln des Tonkopfes gegenüber der Längsachse, die Vorkröpfung.

Man könnte den Spurfehlwinkel durch eine theoretisch beinahe beliebige Verlängerung des Tonarmes stark reduzieren. Der Tonarm würde dann aber nicht nur sehr unhandlich, sondern auch schwer und kaum noch kontrollierbar. Daher geht man über 12 Zoll Länge bei Tonarmen praktisch nicht hinaus.

Die Skating-Kraft

Die äußere Flanke wird immer ein wenig stärker als die innere mechanisch belastet. Durch den sehr kleinen Geschwindigkeitsunterschied entsteht die vom Auflagedruck proportional abhängige Skatingkraft. Sie entsteht sogar auf einer glatten Plattenoberfläche – bei den heutigen Pressungen ist das praktisch nicht mehr nachvollziehbar – und schiebt den Tonkopf zur Plattenmitte. Durch einen Gegendruck, das Antiskating, wird die Skating-Kraft neutralisiert. Dies kann mit kleinen Zugewichten (statisch), wie beim klassischen SME-Tonarm, oder durch andere Antiskating-Vorrichtungen mit Federn oder Magneten (dynamisch) erfolgen.

Die Tangentialabtastung

Theoretisch wären die Schwierigkeiten mit dem Spurfehlwinkel und der weitgehend von ihm herrührenden Skating-Kraft leicht zu überwinden. Man bräuchte nur den Schneideprozess bei der Abtastung umkehren. Der dafür notwendige Tangentialtonarm ist auch technisch realisiert worden, wies aber so viele Probleme auf, dass er kaum produziert wurde. Der Vorteil musste durch zu viele Nachteile erkauft werden. Der erste Nachteil war eine komplizierte und daher kostspielige Herstellung.

Die größte Schwierigkeit bei der Konstruktion war die problemlose und perfekte Nachführung des Tonarms. Der erste funktionsfähige Tangential-Tonarm wurde in den USA von Rabco gebaut. Eine ausgeklügelte Mechanik nutzte die Skating-Kraft für den Vorschub und neutralisierte diese dadurch gleichzeitig. Die Mechanik machte den Tonarm störungsanfällig und träge in der vertikalen Beweglichkeit. Die beim Design elitäre dänische Firma B&O (Bang & Olufsen) brachte 1972 eine Lösung mit elektronisch gesteuertem Servoantrieb und sehr leichtem Arm heraus. Einige Jahre später folgte Revox mit einem eigenwillig gestalteten Tangential-Tonarm, der durchaus an einen Schneidkopf erinnert. Der besonders kurze Tonarm wird durch einen sehr feinfühligen Spezialmotor bewegt.