Ungetüme und Schallplattenvernichter
Die „Plattenhobel“
Die frühen Plattenspieler der Vinyl-Zeit hatten selten einen guten Tonarm und haltbare Nadeln. Sie hobelten die Rillen regelrecht aus. Als Musikkoffer waren sie tragbar geworden. Als kleine batteriebetriebene Geräte eroberten sie das Freiland und den Strand bevor es den Walkman, den tragbaren CD-Spieler oder den MP3 Player gab. Heute kann man eine regelrechte Retro-Welle, eine nostalgische Mode für tragbare Plattenkoffer im chromfunkelnden Design der Fünfziger beobachten. Sie wecken Erinnerungen an die Tage der Drive-Ins, der Diners und der Rückflossen-Automobile und sind in den USA sehr beliebt geworden. Hinter dieser Fassade verbirgt sich aber oft auch moderne Technik, Digitalradio, CD-Spieler und alles mit Fernbedienung. Leider muss man als Plattenliebhaber auch anmerken, dass in diesen Kästen oft ein klassischer Plattenmörder steckt, der Plattenwechsler.
Der Plattenwechsler
Er war eigentlich schon ein Relikt der Nierentischzeit, wie man bei uns sagen könnte. Er war der Stolz der Musiktruhen-Besitzer und Zeichen von kleinem Wohlstand im Wirtschaftwunderland. Er war schon für Schellacks erfunden worden und kam mit der RCA Victor Erfindung der Single so richtig zur Geltung. Die Single hatte von Anfang an des große Mittelloch, das den Plattenabwerfer zuverlässiger machte. Bis zu zehn Scheiben konnte das technische Ungetüm hintereinander abspielen. Da der Plattenwechsler die schwarzen Scheiben nicht umdrehen konnte wie die Jukebox, die legendäre Wurlitzer, reichte eine Hitseite, die A-Seite bei den 18 Zentimeter Schallplatten. Die B-Seite war buchstäblich nur Füllmaterial.
Die Automatik
Ein Horror ist für jeden Musikenthusiasten und Plattensammler die funktionelle Beschreibung einer Vollautomatik mit Wechslersäule. Ein einziger Motor trieb das Ganze über Zahnräder, Gestänge und Reibräder an. Nach dem Einschalten hob die über den Plattenteller funktionierende Mechanik zuerst den Arm hoch, ließ ihn je nach Einstellung in eine Position über die Einsatz fahren und dort häufig deutlich hörbar ein Stück herunterfallen. Das mit dem Tonarm verbundene Gestänge erkannte zumeist erstaunlich korrekt die Schlussrille, hob den Arm wieder ab, führte ihn in eine Ausgangsposition zurück und ließ dann die nächste Platte an der Stapelachse auf die schon gespielte Platte fallen. Dann begann die Routine der Mechanik von vorne. Ein beim Auffüllen des Stapels von Hand eingeschwenkter Haltebügel sorgte dafür, dass die Platten waagrecht liegen blieben und nicht verkanteten. War die letzte Platte gefallen, wurde das von einem Abtaster an der Abwurfsäule erkannt. Die Säule oder ein vergleichbarer Stift in der Stärke des Plattenloches durfte sich wegen der noch oben liegenden Platten nicht mitdrehen oder musste, um nicht unnötig zu bremsen, in einen mitlaufenden und einen feststehenden Abschnitt unterteilt werden.
Die mechanische Endabschaltung
Der Fühler an der Zentralsäule schaltete ein Element der Mechanik so um, dass nach dem Abspielen der letzten Platte, der Arm in die Ruheposition zurück gelegt wurde und dabei den Motor abschaltete. Jede Menge an Mechanik, die direkt mit dem Tonarm oder dem Plattenteller verbunden war. Von einer hinreichenden Korrektur des Spurfehlwinkels konnte nicht die Rede sein, zumal durch den wachsenden Stapel der abgespielten Singles ein weiterer Spurfehlwinkel in der Vertikale entstand. Mit dem Anwachsen des Stapels rutschten die obersten Platten manchmal durch, da sie durch den schweren Tonkopf gebremst wurden. Eine genoppter kleiner Wulst vor dem Etikett sollte bei vielen Platten gegen das Durchdrehen helfen. Dass bei so einer Konstruktion zwar der Bequemlichkeit gedient, aber nicht auf Tonqualität geachtet wurde, dürfte einsichtig sein.
Die Wiederbelebung der Automatik
Die schon totgeglaubte Automatik feierte selbst unter renommierten Markennamen in den letzten Jahren eine Renaissance, wenn auch nicht wie bei den Nostalgie-Koffern, als Wechsler. Viele Plattenspieler auch der Mittelklasse wurden wieder mit Halb- oder Vollautomatik ausgestattet. Gegen eine elektronische Endabschaltung mit servogesteuerter Tonarmabhebung ist ja nichts groß einzuwenden, obwohl selbst eine solche einem Audiophilen ein Dorn im Auge ist, da der Präzisions-Tonarm ein Bauteil mitschleppen muss und dadurch einen kleinen Teil seiner Beweglichkeit zwangsläufig verliert.
Die Halb- oder gar Vollautomatik muss zwangsläufig einige mechanische Elemente auf den Tonarm wirken lassen. Selbst bei zwischenzeitlicher Abschaltung der Automatik und Einsatz von Servomotoren, bleibt diese nie ganz ohne Einfluß vor allem auf den Tonarm und damit auf den empfindlichsten Teil des Plattenspielers, die Nadel im Tonkopf.



